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Praxisbericht:  100 Tage - 100 Regisseure - 100 Minuten

100 x dX
Die größte Kunstausstellung documenta X ist in Kassel in vollem Gange. Und wie zu jeder documenta treffen sich unzählige Kamerateams und Redakteure, um Berichte und Reportagen zu produzieren. Im Vergleich zu den herkömmlichen Dokumentationen unterscheidet sich das Filmprojekt der beiden Kasseler Filmemacher Stefan Bornemann und Jörg Ruckel: nicht ein Regisseur entscheidet über den Film, sondern 100 verschiedene. "100 Tage - 100 Regisseure - 100 Minuten". An jedem Tag der documenta entsteht eine Minute Film.

 

Die documenta zieht alle fünf Jahre Tausende von Besuchern aus aller Welt nach Kassel. Mehrere Ausstellungsorte sind bei dieser documenta durch den "documenta-Parcours" miteinander verbunden. Am Beginn des Parcours, vor dem Kasseler Kulturbahnhof, steht der Produktionscontainer des Filmprojektes "100 x dX". Zu diesem Container kommen Besucher der documenta, die ihre ganz persönlichen Eindrücke der Ausstellung mit filmischen Mitteln umsetzen wollen. Die Idee wird besprochen, ein Kamerateam zusammengestellt und sofort gedreht. Im Anschluß an den Dreh wird mit dem digitalen Schnittplatz die Minute zusammengeschnitten. So wächst der Film täglich um eine Minute. Und jede Minute enthält ganz persönliche Eindrücke einer Ausstellung, die völlig unterschiedliche Empfindungen beim Kunstbetrachter hervorruft.

Außendreh
Kameramann Roland Sippel mit der Tagesregisseurin Daphnis  Georghiou beim Außendreh auf dem documanta-Parcours.

Der Produktionscontainer als Diskussonsforum

Aber der Container ist noch mehr, er macht den Entstehungsprozeß des Filmes transparent, und ist auch ein Platz, an dem über die Ausstellung gesprochen wird. "So einen Ort der Diskussion über Kunst muß es vielleicht gerade auf dieser documenta geben", sagt Jörg Ruckel, der schon oft erlebt hat, daß sich Besucher nach ihrem Ausstellungsbesuch mit anderen über ihre Eindrücke austauschen möchten, "da steht man manchmal mit acht Besuchern und diskutiert über die Ratlosigkeit und entwickelt gemeinsam Ideen, wie man dieses Gefühl im Film umsetzen kann". Wenn sich die Besucher auf die Konzeption des Projektes einlassen und ein Stück Kreativität mitbringen, ist schon der erste Schritt getan. "Die Motivation und die Idee sind wichtig, nicht die filmische Vorerfahrung. Bei der Umsetzung helfen wir", beschreibt Stefan Bornemann die Arbeit des Teams. Auch für das Team ist dieses Projekt eine Herausforderung. "Es ist etwas anderes, wenn Jörg und ich eigene Filme drehen. Dabei haben wir immer die Kontrolle über alle Stadien der Produktion, bei diesem Projekt geben wir diese Kontrolle des Filmes aus der Hand".

 Ein engagiertes Team

Team 100 x dX
Das Produktionsteam: Stefan Bornemann, Jörg Ruckel, Jörg Landau und Roland Sippel (von rechts nach links)

Das Team setzt sich, neben Stefan Bornemann und Jörg Ruckel, aus Jörg Landau und Roland Sippel zusammen, die für die technische Leitung des Projektes zuständig sind. Unterstützt werden sie dabei von einer Vielzahl von Filmschaffenden, die im wesentlichen aus dem Kasseler Verein "out take film" und von der Universität Gesamthochschule Kassel kommen. Der "out take film", ein gemeinnütziger Verein, dessen Ziel die Förderung von Kunst und Kultur mit audiovisuellen Medien ist, ist zudem bei diesem Projekt für die gesamte organisatorische Abwicklung und Produktion verantwortlich und stellt einen Teil der Produktionstechnik.

 

Neben Mitteln aus dem Verein wird der Film auch durch eine Filmförderung des Hessischen Rundfunks finanziert. Der Container, den die hessische Landesanstalt für privaten Rundfunk kostenlos zur Verfügung gestellt hat, beherbergt während der hundert Tage das technische Equipment. Durch das bereitwillige und unkomplizierte Entgegenkommen verschiedener Firmen, steht dem Projekt neben einer JVC-Kamera mit Ampex-Dockingrekorder ein kompletter FAST Video Machine PLUS-Schnittplatz zu relativ niedrigen Mietkonditionen zur Verfügung. Jörg Landau, der maßgeblich für den Schnitt zuständig ist, entschied sich frühzeitig für dieses digitale Schnittsystem: "Gerade für dieses Projekt und der knappen Zeit für den Schnitt, ist das digitale FAST-System mit seiner bedienerfreundlichen Oberfläche am Geeignetsten." Technische Schwierigkeiten mit der Anlage traten nur in der Anfangszeit auf, da sich der Container in der Sonne stark aufheizt und dies zu temperaturbedingten Systemabstürzen geführt hat. Aber nachdem eine zusätzliche Containerbelüftung eingebaut wurde, konnte das Problem in den Griff bekommen werden.

Der Film ist durchaus ein Drahtseilakt

Das künstlerische Konzept der documenta setzt dem Film Grenzen. Manche Ausstellungsräume sind so wenig beleuchtet, daß man schlecht drehen kann: "Wir müssen eben mit dem gegebenen Licht leben, um die künstlerischen Intentionen nicht zu tangieren", gibt Kameramann Roland Sippel zu verstehen.

Der hundertminütige Film wird kein Dokumentarfilm und keine Reportage sein, sondern nach Ansicht von Stefan Bornemann und Jörg Ruckel eher ein Film-Essay. Allerdings ist der Film auch ein Film ohne vorgegebene Struktur, ohne Plot und Spannungsbögen - einziger roter Faden ist die documenta. Dies entspricht eher einem Drahtseilakt zwischen einem gelungenen Film und einem totalen Flop. Das Konzept soll vielmehr Entwicklungen der Ausstellung aufzeigen: "Bei der letzten documenta hat sich die Akzeptanz des während der Ausstellung entstandenen ‘Signalturms der Hoffnung’ von Mo Edoga so gesteigert, daß er am Ende aus Abschlußberichten über die künstlerischen Höhepunkte nicht mehr wegzudenken war. Er ist vom belächelten Künstler zum 'Star' geworden," sagt Stefan Bornemann. Das Konzept des Filmprojektes "100 x dX" sieht Jörg Ruckel bereits in der ersten Phase des Arbeitsprozesses bestätigt: "In den ersten Minuten tasten sich die Tagesregisseure vorsichtig an die documenta heran." Und Stefan Bornemann ergänzt: "Das liegt vielleicht daran, daß gerade diese documenta Zeit zur Reflexion braucht, weil sie nicht so spektakulär ist wie die letzte."

Schnittplatz
Unmittelbar nach dem Dreh wird der Tagesbeitrag an der Video Machine im Produktionscontainer zusammen mit Jörg Landau fertiggestellt.

An mangelndem Zuspruch hat das Filmprojekt nicht zu leiden. Internationales Publikum (Brasilien, England, Schweiz, Österreich, Neuseeland) hat sich bereits durch dieses Projekt filmisch mit der zehnten documenta auseinandergesetzt.

Für den Zuschauer des Filmes bleibt beim Betrachten viel Spielraum, denn jeder wird mit den unterschiedlichen Aspekten des Film-Essays etwas anderes anfangen können. Die Übergänge zwischen den einzelnen Minuten werden nicht durch Auf- und Abblenden oder Einblendung des Namens des Tagesregisseurs kenntlich gemacht, sondern sind teilweise formal bzw. inhaltlich klar unterschieden, teilweise vermischen sich aber auch einzelne Minuten, ohne daß man einen Übergang erkennen kann. Unterstützt wird das Konzept dieses zusammenhängenden hundertminütigen Filmes durch die parallel zum Produktionsprozeß entstehende Musik. Der Musiker Kai Borchardt ist in den Arbeitsprozeß von Anfang an mit eingebunden. Er bekommt alle zehn Tage ein VHS-Band mit fertigen zehn Minuten und alle Gesprächsprotokolle der Tagesregisseure. Der Film wird also als eine "Bild-Geräusch-Musik-Collage" empfunden werden.

Am 28. September, dem letzten Tag der Ausstellung, ist die Premiere des Filmes im Bali-Kino in Kassel. Man darf damit auf ein erstes abschließendes Gesamtbild der documenta X hoffen - fernab von jeglicher Besucherstatistik und Meinungsumfragen.

Stefanie Zimmermann
(Film & TV Kameramann - Ausgabe 8/97)


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